Auf Werkstatttour Teil 3: Offene Werkstätten und Materialinitiativen in Dresden und Erlangen
Oldenburg, Hamburg, Berlin, Dresden, Erlangen — fünf Städte, fünf sehr unterschiedliche Orte, an denen Menschen Dinge reparieren, Materialien sammeln und Wissen über die Kreislaufgesellschaft teilen. Im Rahmen des Projekts Lokale Ressourcenzentren (LoRe), das kitev, Fraunhofer UMSICHT und die Stadt Oberhausen gemeinsam mit der anstiftung umsetzen, haben sich Robert und Annkathrin als Teil einer Exkursionsgruppe aufgemacht, um etwas über Ressourcenzentren zu lernen. Zentrale Fragen waren: Was ist ein Ressourcenzentrum überhaupt? Wie funktionieren sie? Und was können wir daraus für ein Ressourcenzentrum im Supermarkt der Ideen lernen?
In den nächsten Wochen werden wir euch in unterschiedlichen Blogposts zeigen, was andere Offene Werkstätten und Materialinitiativen auszeichnet. Gestartet sind wir in Norddeutschland und in diesem Blogpost in Berlin.
Foto: Hanseatische Materialverwaltung © Stadt Oberhausen. Fotografin: Marga Dresen

Was wir gesehen haben — und wie wir es gesehen haben
Berlin
Im dritten und letzten Blogpost über unsere Reise zu den Offenen Werkstätten und Materialinitiativen berichten wir aus Dresden und Erlangen. Auch in Sachsen und Franken wollten wir uns anschauen, welche Besonderheiten die lokalen Werkstatt-Communities auszeichnet – und wir waren echt beeindruckt!
In Dresden fiel uns auf, wie unterschiedlich der Zugang zu Ressourcenzentren und Materialinitiativen sein kann. Die Frage „Wer kommt an diese Orte — und wer nicht?“ wurde hier sehr breit und mit unterschiedlichen Ideen besprochen.
Der Konglomerat e. V. beeindruckte durch seine föderale Organisationslogik: Jeder Werkbereich — Holz, Metall, Siebdruck, Kunststoff — funktioniert mit eigener Gruppe und eigenem Programm, was das Ganze lebendig und widerstandsfähig macht.
Besonders innovativ ist die Zündstoffe Materialvermittlung mit ihrer Open-Source-Plattform und einem Preismodell, das Spendenempfehlungen aus Gewicht und ökologischem Fußabdruck ableitet — und damit Finanzierung mit Bildungsarbeit verbindet. Zugleich lieferte der Besuch wichtige Einblicke in Produkthaftung, Urheberrecht und Fördermittelfristen. Das sind die drei größten strukturellen Hürden für Materialweitergabe im Kunst- und Kulturbereich. Das Konglomerat hat sich dieses Wissen durch umfangreiche Erfahrungen und gezielte Weiterbildung bis ins kleinste Detail selbst erarbeitet.

Das Männernetzwerk Dresden e. V. war der überraschendste Stopp unserer Reise: kein Ressourcenzentrum im klassischen Sinne, sondern eine Werkstatt, um Männer ab 60 durch handwerkliche Gemeinschaft aus sozialer Isolation zu holen. Basierend auf dem „Man’s Shed“-Konzept aus Australien, wird nach dem Motto „Schulter an Schulter“ darauf gesetzt, dass Gespräche entstehen, wenn Männer gemeinsam werkeln.

In Erlangen erlebten wir nach vielen Kilometern „on the road“, wie ein Ressourcenzentrum in engem Schulterschluss mit städtischen Strukturen funktionieren kann und welche Chancen, aber auch welche Spannungen so ein Großprojekt mit sich bringt.
Das ZAM – Zentrum für Austausch e. V. ist mit 2.400 m² Fläche die mit Abstand größte offene Werkstatt unserer Reise. Entstanden ist der Ort aus einem glücklichen Zusammentreffen: Der Traditionshandel Greiner schloss, die Stadt kaufte das Gebäude und übergab es einem neu gegründeten Betreiberverein, der ursprünglich nur 250 m² bespielen wollte.
Das Finanzierungsmodell ist das ausgefeilteste der Reise: 360 Vereinsmitglieder zahlen 25 €/Monat, Gäste 3,50 €/Stunde, manche Maschinen haben Zusatzgebühren. Dennoch beschreibt sich das ZAM selbst als „ikonisch unterfinanziert und überarbeitet“, weil das Potenzial des Ortes die verfügbaren Kapazitäten bei weitem übersteigt.

Besonders lehrreich für Oberhausen ist der einjährige ko-kreative Prozess zur Entwicklung eines Verhaltenskodex und eines Konfliktteams — ein strukturierter Umgang mit Wertefragen, der zeigt, dass Gemeinschaft nicht von selbst entsteht, sondern aktiv ausgehandelt werden muss. Bemerkenswert ist auch der 24/7-Zugang für Mitglieder, gekoppelt an digitale Sicherheitseinweisungen. Hier wird ein Modell praktiziert, das Autonomie ermöglicht, ohne auf permanente Betreuung angewiesen zu sein.


Was wir von unserer Reise mitnehmen
Zurück nach Oberhausen ging es mit vielen Eindrücken und einigen konkreten Schlussfolgerungen für unser Ressourcenzentrum im Supermarkt der Ideen:
- Es hängt an den aktiven Menschen und weniger an den bereitstehenden Strukturen. Freiräume und passgenaue Komponenten und Abläufe gewinnt man, indem man es macht.
- Die Materiallogistik muss von Anfang an mitgedacht werden: Wer sammelt, wer sortiert, wer entscheidet was nützlich ist und wer wird für was bezahlt? Ohne klare Verantwortlichkeiten wird das Lager zur großen Abstellkammer.
- Nicht jede Entscheidung muss basisdemokratisch getroffen werden.
- Performative Interventionen und kreative Veranstaltungsformate wie Auktionen erhöhen die Sichtbarkeit und steigern die Lust am Mitmachen.
- Zugänglichkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss aktiv hergestellt werden — durch Öffnungszeiten, technische Zugangslösungen, durch Sprache und auch die Art, wie eingeladen wird.
- Das Reparieren und Weitergeben von Dingen ist mehr als Ressourcenschonung. Es ist eine Kulturtechnik. Es verbindet Menschen, gibt Sinn und ermöglicht Selbstwirksamkeit.
- Wer ein Ressourcenzentrum aufbaut, baut einen lebendigen Ort, der das Beitragen für die Stadtgesellschaft in den Vordergrund stellt und schlichtes Kaufen, Konsumieren und Wegwerfen zu überwinden versucht. Dabei entstehen Reibungen und Widersprüche, die produktiv genutzt werden sollten, anstatt sie unter den Teppich zu kehren.
- Es braucht Geduld. Drei bis fünf Jahre, bis ein Ort trägt — und die richtigen Menschen, die ein günstige Gelegenheit ergreifen.
Titelfoto: „Haus der Materialisierung“ ist ein soziokulturelles Experiment in Berlin-Mitte
© Stadt Oberhausen. Fotografin: Marga Dresen